Sonntag, 29. Januar 2017

Alltag, der noch keiner ist

Manchmal fühle ich mich an einigen Tagen wie ein ganz normaler Mensch. Goldstück im Herzen, watschel ich ganz glücklich durchs Leben und finde tatsächlich Sachen interessant ohne dies vortäuschen zu müssen. Oft sogar ohne ein schlechtes Gewissen dabei zu haben. Das schlechte Gewissen war am Anfang ganz schlimm, wenn ich mich dabei erwischt habe, gelacht zu haben oder grade in Gedanken wo anders zu sein, dann war es als ob ich Hochverrat an meiner Tochter begangen hätte. Ganz, ganz fies...
Aber wie gesagt, mittlerweile fühle ich mich immer öfter wie ein normaler Mensch und grade als ich recht zufrieden in meiner neu gewonnen Normalität rumdümpelte, da kam der 30. Geburtstag meines Schwagers.
Wie bereits erwähnt, sind er und meine Schwester, während wir unsere Tochter verloren haben, Eltern  von meiner entzückenden Nichte geworden.
Der Clou ist, ich liebe diese kleine Maus, ich habe kein Problem damit. Punkt.
Als dann die Anfrage kam, ob ich mit zur Überraschungsparty mit möchte, dachte ich mir:" Klaaaaaar!". Schwupps zugesagt, Göttergatte wollte nicht aber egal. Geplant war spazieren zu gehen, dann einzukehren, zu essen und dann noch Geschenke.
Ich also am Überraschungstag den Hund eingepackt und hin.
Doch dort angekommen, traf mich die Keule. Vermutlich wäre es sehr hilfreich gewesen, wenn mich tatsächlich eine Keule getroffen hätte. Manchmal denke ich mir, es wäre nach schlimmen Ereignissen doch nett, in ein Koma gelegt zu werden, bis alles wieder gut ist, aber ich schweife ab...
Die metaphorische Keule bestand aus einer Armee aus Kinderwägen, Babys und Kleinkindern. Des Schwagers Freunde mit sämtlichen Resultaten ihrer Fortpflanzung.
Ich musste erstmal schlucken, unvorbereitet auf Menschen zu treffen ist immer noch so eine Sache. Erst recht, wenn ich nicht weiß, ob diese wissen was passiert ist oder nicht und ich mit diesen kommunizieren soll/muss. Das ist mir schnell zu viel. Den Spaziergang habe ich mit Kloß im Hals grade so, ganz gut geschafft. Doch  im Lokal angekommen, brach das Ganze zusammen.
Wie peinlich eine Panikattacke sein kann, weiß man erst wenn man's erlebt hat. Tränen laufen, man bekommt keine Luft mehr, die Hände werden taub und der ganze Körper zittert. In diesem Moment dachte ich ernsthaft ich müsse sterben. Und obwohl ich in absoluter Sicherheit war und noch versuchte mich zu beruhigen, war ich absolut machtlos. Ich bin raus und zum Glück war es bei all dem Kindergeschrei nicht zu auffällig aber trotzdem habe ich mich in Grund und Boden geschämt. Dieser vollkommene Kontrollverlust traf mich sehr, aber ich konnte in der Situation nichts machen.
Meine arme Mama, die mich zu meinem Auto zurück fahren musste, wusste glaube ich nicht wirklich wie ihr geschieht. Mein Verhalten war bis daher recht unauffällig und meine "Normal-Fassade" recht tadellos. Und plötzlich fang ich da in der Öffentlichkeit an zu hyperventilieren. :-D. Es hat mir wirklich Leid getan und zugleich schrecklich geärgert, denn ich möchte nicht als Sorgenkind behandelt werden das kurz vorm Wahnsinn steht. Ich möchte Normalität zwischen meinen Eltern und mir und keine sorgenvollen Anrufe um zu hören ob ich schon vom Balkon gesprungen bin. Ja ich habe vor 4 Monaten meine Tochter verloren, ja sie fehlt mir, ja manchmal bekomm ich's nicht auf die Reihe. Nein, ich gehe noch nicht wieder arbeiten, nein, ich bin nicht irre. Ich brauche eben noch etwas Schutz, Rückzug, wann immer ich diesen brauche. Aber im Allgemeinen finde ich, mache ich meine Sache hervorragend. Für mich sind es ERST 4 Monate und nicht SCHON 4 Monate. Aber ich gucke nach vorne, ich will leben, ich will ein zweites Kind, ich bin zurück. Anders, aber ich bin da. Die paar Panikattacken hin oder her. Nicht, dass ich diese klein reden möchte, aber was stellt man sich danach vor? Ich glaube nicht, dass da einer vollkommen unbeschadet rausgekommen wäre.  Also werde ich lernen damit umzugehen und sie werden weniger und schwächer werden, da bin ich mir sicher. Wenn ich erstmal wieder schwanger bin, dann werde ich auch den letzten Rest "Ich" wiederfinden und das Leben wird aufs Neue aufblühen. (Hoffen wir's doch zumindest mal! :-D)

Sonntag, 15. Januar 2017

Als wäre es das Leichteste der Welt

Andere Schwangere, Mütter mit Kindern. Viele wissen nicht wie viel größer das Glück in Wirklichkeit ist, wenn alles einfach so, einfach gut ist.
Meine Schwester war gleichzeitig schwanger, wir waren 2 Wochen auseinander. Meine Tochter hätte nur 10 Tage nach ihrer Tochter auf die Welt kommen sollen.
Beides Mädchen, beide gleich alt. Ein schöner Traum, der nun niemals Wirklichkeit werden kann. Sie hat ihr Kind, ich nicht.
Macht es den Schmerz größer? Den Verlust deutlicher? Andauernder?
Ich weiß es nicht. Natürlich werde ich sie niemals ansehen können und nicht dabei an mein Mäusekind denken. Und doch ist es Liebe, es ist Liebe, die in meinem Kopf immer größer wird für mein Kind. Und nicht Schmerz und Trauer. Sie halten zu können ist wie kleines Pflaster für meine zertrümmerte Seele. Ich weiß, dass sie nicht meine Tochter ist, aber ich kann ein Baby halten. Mama mit Baby für Momente.
Es ist ein Trugschluss zu denken, dass die Situation nur für mich schwer ist. Meine Schwester hat mit gelitten. War fassungslos, hilflos, gefangen. Wollte mir gegenüber keine Freude über ihre Schwangerschaft und dann über ihr Baby zeigen, wollte mir Respekt zeigen, meinen Schmerz nicht noch größer machen. Ich wollte, dass sie glücklich ist, sie wollte nicht, dass ich unglücklich bin.
Es war meine Pflicht, das einzige was ich tun konnte, ihr zu zeigen, dass es in Ordnung ist, dass ihr Baby gesund ist und meins tot. Ihre Kleine ist so unschuldig.
Ich wünsche mir zusammen mit Göttergatte seit einiger Zeit wieder ein Baby, ein Erden-Geschwisterchen für unser Sternengoldstück. Doch das ist nicht so leicht, wie von außen versprochen. Wir wissen nicht, ob wir nochmal ein Kind auf natürlichem Weg bekommen können. Bisher hat es nicht geklappt. Das macht den Alltag so viel schwerer, die Zukunft so viel ungewisser. Ich bin neidisch auf Schwangere, fremde Mütter mit Kindern, habe Angst vor der Nachricht von Bekannten, dass sie schwanger sind. Das sind die Dinge, die ich nicht ertrage. Die Angst vor der Kinderlosigkeit, jeder weitere Monat verschwendet. Natürlich sind diese Gedanken dumm, es gibt so vieles im Leben, was es lebenswert macht und doch erscheint mir alles seitdem nichtig. Was zählt, ist mein Goldstück und ihr ein Geschwisterchen zu schenken. Wenn ich meine Nichte habe und sie anfängt zu weinen, dann möchte ich sie so gerne selber beruhigen. Aber ich verstehe meine Schwester, die sie mir wegnimmt. Ihre Tochter, nicht meine.

Freitag, 13. Januar 2017

Trauer eines Papas ohne Baby

Viel zu oft wird vergessen, dass es zu dem toten Baby nicht nur eine Mutter gibt, die alles verloren hat sondern auch einen Papa. Auch dieser hat alles verloren, ist traurig, auch seine Welt ist stehen geblieben.
Das Rollenbild schlägt mit voller Kraft zu, mitten in das trauernde Herz des Papas...
"Wie geht es deiner Frau?", wird fast ausschließlich gefragt. Man ManN soll weiter funktionieren, ist er doch schließlich vom starken Geschlecht. Als ob er sein Baby nicht gekannt hätte, dabei fängt auch die Bindung von Papa zu Baby lange vor der Geburt an.
Nur weil er es nicht im Bauch trägt, heißt es nicht, dass er es nicht schon lange im Herzen trägt. Voller Stolz und Vorfreude!
Bei uns war das "Weitermachen" sogar zwingend für meinen Mann. Er ist selbstständig, hat Mitarbeiter, funktioniert er nicht, funktioniert der Betrieb nicht. Er konnte nicht wie ich wochenlang den Kopf unter die Decke stecken und trauern. Als Arbeitnehmer hat man da vielleicht noch eher die Chance sich wenigstens ein paar Tage krankschreiben zu lassen, unsere "paar Tage" waren aufgebraucht durch alles was davor über uns zusammengebrochen ist, die langen Fahrten in die Klinik und die Geburt selber.
Ich weiß bis heute nicht wie mein Mann so stark sein konnte, aber ich habe sehr viel Respekt vor dieser Leistung und vor jedem anderem Papa der so viel früher in den Alltag zurück gezwungen wird als die dazugehörige Mama.
Was ich aber weiß, ist, dass mein Mann sich zwischen den Terminen und auf Autofahrten in seine Trauer zurück gezogen hat, geweint hat. Für mich war es unendlich wichtig, dass ich weiß, dass er seine Trauer nicht durch Stärke noch weiter verdrängt als er es muss.
Er ist mein Fels in der Brandung, für ihn wollte ich morgens wieder aufstehen, ihm zeigen, dass er sich nicht auch noch um mich Sorgen machen muss. Und doch verstehe ich warum viele Beziehungen scheitern nach dem  Tod eines Kindes. Ich weiß nicht wie gut wir es geschafft hätten, wenn wir nicht zwei tolle Hebammen an der Seite gehabt hätten.
Die wichtigste Lektion in einem Gespräch mit ihr war, dass man den anderen nicht verstehen muss, nur akzeptieren.
Männer trauern anders als Frauen. Anders ist nicht falsch, es ist nur eben anders. Das klingt simple im ersten Moment, aber es ist schwer, wenn man in voller Trauer gefangen ist und nicht verstehen will wieso der andere grade mal nicht weint, wieso der andere grade nicht zu zerbrechen scheint.
Wenn man als Frau heult, die Flut an Tränen nicht mehr aufhört und der eigene Partner scheinbar teilnahmslos daneben sitzt, dann ist es verdammt schwer dies zu akzeptieren. Man sieht sein eigenes Trauern in dem Moment als Maß der Dinge an, als das "richtige" Trauern.
Dass dies eine recht egoistische Sicht der Dinge ist, ist oftmals schwer einzugestehen. Wer kann schon hinter die Fassade des Anderen blicken? Wer sagt dir, dass hinter den scheinbar abwesenden, abweisenden Augen nicht ein zerbrochenes Herz am Boden liegt. Ein Herz, das den Schmerz des Anderen einfach für einen kurzen Moment nicht mehr erträgt, weil es es selber einfach zu voll von Schmerz ist.
Beziehungen sind für gewöhnlich nicht darauf ausgelegt, dass beide am Boden liegen, völlig zerstört sind. Für gewöhnlich ist es wie eine Waage, der eine tariert den anderen wieder aus. Kommt mal was aus dem Gleichgewicht, nimmt der andere so viel Last auf sich, bis wieder Gleichgewicht herrscht und umgekehrt.
Wir haben die Krise zum Glück bewältigt, wie man so schön sagt. Sind näher zusammengerückt, ich würde fast behaupten wir sind gewachsen, stärker geworden. Ich liebe meinen Mann jetzt anders als vorher, sehe ihn mit anderen Auge. Und ich bin ihm dankbar, dass er diese Zeit mit mir durchgemacht hat, eine Zeit in der Weglaufen so viel einfacher gewesen wäre.

Wie geht es dir?

Keine Frage ist schlimmer, keine Frage unüberlegter, keine Frage schwerer zu beantworten.
Was soll man den antworten? Was würden sie in meiner Situation antworten?
Wie soll es einem dem gehen wenn das Kind tot ist? Was für eine Antwort wird erwartet.
Soll ich "gut" antworten um meinem Gegenüber ein gutes Gefühl zu geben? Damit dieser beruhigt ist? Schließlich hat man sich ja höflich erkundigt nach dem Befinden. Pflicht erledigt. "Und lass sie bloß mit "gut" antworten...", bettelnde Augen, leere Floskel.
Ich antworte nicht mehr auf diese Frage. Lächle ohne zu lächeln, wer nochmal fragt, den frage ich was ich ihm seiner Meinung darauf antworten soll.
Die ehrliche Antwort wäre:"Es geht mir nicht gut, aber es geht mir auch nicht mehr schlecht, ich lebe eben.", auf diese Frage mit "gut" zu antworten wäre für mich wie "Ich habe den Tod meines Babys vergessen!", aber das kann man nicht vergessen und "Wie geht es dir?", macht den Tod in rasender Schnelle wieder present. Die Frage, wie es einem geht, bringt einen in eine unangenehme Zwickmühle, denn ich bin mir sehr sicher, dass die meisten Menschen gar nicht hören wollen wie es mir wirklich geht. Zu schwer ist der Umgang dafür mit diesem Thema.
Die Unsicherheit der Menschen mit diesem Thema zu groß. Dabei ist es gar nicht so schwer. Mitgefühl statt Mitleid.
Am liebsten sind mir die, die ehrlich sagen, dass sie nicht wissen wie sie damit umgehen sollen, mit mir umgehen sollen, denn dann kann ich sagen, was ich mir wünsche und zwar Normalität und dass man trotzdem an mein Kind denkt. Dass ich nicht will, dass sie wie eine schreckliche Katastrophe ausgeklammert wird, sondern ihr Andenken immer mal wieder kurz ins Leben miteinbezogen wird.
Das man mich nicht immer wie ein rohes Ei behandelt und die eigenen Probleme kleinredet. Ich möchte nicht als Sinnbild für "am schlimmsten" gelten.  Ich möchte nicht, dass ein ganzer Raum plötzlich still ist und betreten auf den Boden blickt weil jemand ""tot"gelacht" gesagt hat. Als ob es in meiner Gegenwart nicht mehr angebracht wäre so etwas zu sagen, den Tod zu erwähnen.
Nur weil mir etwas schlimmes passiert ist, heißt es nicht, dass alles andere nicht mehr zählt. Holt mich raus, wenn ich mich zu sehr verkrieche, bringt mich zum lachen, erzählt mir von euren Sorgen und Problemen, ertragt es wenn ich plötzlich anfange zu weine, seid mit mir albern,... So geht es mir.

Mittwoch, 11. Januar 2017

Mama ohne Baby - Die Zeit danach



Zuhause. Es war seltsam. Ich fühlte mich immer noch glücklich, als ob ich nicht ganz verstanden hatte, was da passiert war.
Heute weiß ich, dass es die Zeit vor dem Aufschlag war.
Ich war quasi Fallschirmspringen gewesen. Die Vorfreude, das aufregende Unbekannte, der Flug nach oben.... Und dann wirst du rausgeschubst. Moment! War das schon die richtige Höhe, wieso bin ich denn einfach rausgeschubst worden?! Hm.. Ganz schön kalt, ganz schön schnell... Lieber mal am Schirm ziehen. Ups, da ist gar keiner.... Die Welt kommt aber ganz schön schnell ganz schön nah!!! Aufprall....
Zwei Tage nach der Geburt kam alles über mich. Ich habe geweint, ich habe geschrien, nie zuvor war ich so verzweifelt. Ich habe mein Goldstück gesucht, obwohl ich wusste, dass es nicht da war. Krankes Hirn... Ich sehe es bis heute als entsetzlich grausam an, dass nach einer Todgeburt alles im Körper abläuft wie nach einer normalen Geburt. Wird man nicht schon genug gequält? Der Wochenfluss, Nähte, Milchfluss.... Ich empfand es als grausame Zuschaustellung, dass ich theoretisch Mama war. Ich wollte mich doch nur um mein Kind kümmern, aber da war nichts. Ich konnte mich nicht kümmern.
Ich räumte auf, putze. Fast zwanghaft um irgendwie Ordnung in mein inneres Chaos zu bekommen. Ich wollte gut darin sein zu trauern, alles gut aufarbeiten, wenn ich schon keine Mama sein konnte, wollte ich mich wieder haben! Ich war glücklich vor der Schwangerschaft, mir fehlte nichts im Leben und jetzt war alles nichtig und mein Baby war tot. Ich sträubte mich, dieses Mitleid überall...
Ich ertrug es nicht, als ob mein Schmerz nicht groß genug wäre, auch ohne, dass man mir sagte, wie schrecklich alles sei.
Ich weiß wie ungerecht man gedanklich zu den Menschen ist, die es so gut mit einem meinen. Doch trotzdem ist der Umgang schwer mit "normalen" Menschen.
Also begann ich wieder zu lächeln, besser den eigenen Schmerz verstecken als überall nur Mitleid und Unsicherheit zu sehen. Am Anfang fühlte sich Lächeln nach Verrat an. Schnell zog ich mich wieder zurück, wenn ich auf Menschen getroffen war mit denen ich umgehen musste. Das geht mir auch jetzt noch so.
Es kostet unglaublich viel Kraft, ich werde seitdem unwahrscheinlich schnell müde und komme sehr schnell an meine Grenzen.
Noch schlimmer, dass die Welt dich nicht als Mama sieht, du dich aber sehr wohl. Du willst mitreden! Neulich konnte man sich doch noch über die richtigen Windeln und Rückbildungskurse unterhalten und plötzlich war man draußen, gehörte nicht mehr dazu... Einem wird nicht nur das Baby genommen, sondern auch das Mama-sein gestohlen. So ungerecht...
Ich habe die ersten Wochen die Sonne nicht ertragen, wie konnte sie scheinen? Was für einen Sinn machte es zu waschen, wenn doch neulich noch Goldstückchens Sachen gewaschen worden waren und diese jetzt umsonst waren. Der Kinderwagen...., Autositz, Stillkissen.
Aber es hilft ja alles nichts, die Welt hört nicht auf sich zu drehen, andere wollen sehen, dass es einem besser geht, Mann und Hund sind auch traurig und brauchen einen. Wäre es richtig dem Tod mein Leben auch noch zum Frass vorzuwerfen? Nein, also versuche ich seitdem wieder die Alte zu werden. Mit Blick in die Zukunft. Ich wünsche mir ein Geschwisterchen, ich will mein Leben wieder, will wieder Sinn in den Dingen finden. Davor hatte es doch auch alles zusammengepasst und wurde von mir erledigt. Wo ist das alles nur hin?

Samstag, 7. Januar 2017

Der Tag der niemals kommen soll

8. September, ihr Todestag. Globulis von meiner Hebamme, ich war aufgeklärt worden, dass man danach eine natürliche Geburt einleiten würde. Das wäre wichtig für die Verarbeitung. Leere Worthüllen, liebgemeinte Worte vor der Abfahrt, Hund zu meinen Eltern, Organisation mitten in der Sinnlosigkeit... Die Fahrt dahin wollte ich mit meinem Gefühl nochmal ganz nah bei unserem Goldstück sein. Ich erklärte ihr, dass ich sie über alles liebe, diesen Schritt bei der kleinsten Hoffnung auf ein Leben niemals gehen würde, aber sie alleine von den Organen her keine Chance hatte, niemals gehabt hat.
Dann kamen wir endlich an. Anmelden am Empfang, die Sekretärin fragte uns ob es denn keine andere Lösung gäbe.... Ich lachte bitter. Als ob ich diesen Weg gehen würde wenn es eine Lösung geben würde...
Man brachte meinen Mann und mich auf die Schwangeren-Station, überall Leben, überall Glück, ich war so neidisch...
Wir mussten warten, Stunde um Stunde, es war warm draußen, der Sommer bäumte sich nochmal auf und zeigte was er kann. Draußen im Park, wir hatten beide Hände an meinem Bauch, ich summte die Melodie die ich ihr als Schlaflied immer gesungen hätte. Abschied, warten auf den Tod, anders kann man es nicht beschreiben und trotzdem habe ich es nicht als schrecklich in Erinnerung, es war schön. Ich wurde ruhiger, gefasster, es war in Ordnung, ich ließ los.
Dann um halb neun Uhr abends mussten wir runter, nie war ein Weg makaberer.
Ultraschall, ihr Herzchen schlug, wenn auch sehr langsam, Beckenendlage, sie hatte es nicht geschafft sich zu drehen. Mein Mann legte sein Gesicht an meins, seine Arme fest geschlungen um meinen Kopf. Er weinte, ich starb innerlich mit, fühlte emotional nichts mehr, keine Tränen.
Der Stich, es tat weh, ich merkte wie sie mit der dicken Nadel in mir rumbohrten, ich merkte sie als sie das Herzchen meines Goldstücke fand, darauf hatte einen niemand vorbereitet. Ich wollte, dass es ein Ende hat und grade als ich flüsterte, dass ich nicht mehr könne, drückte mir einer der zwei Ärzte die Hand:"Es ist vorbei.".
Zu meinem Mann hieß es, er solle auf mich aufpassen, viele Frauen würden sich danach umbringen, ich zog ihn am Ärmel wieder zu mir, er hatte grade seine Tochter verloren, was dachte der Arzt sich nur bei dieser Aussage in ausgerechnet diesem Moment?
Ich wartete bis ich aufstehen konnte, ich dachte bis davor, dass es das schlimmste wäre ein totes Baby in sich zu haben, aber das war es nicht. Es war immer noch mein Baby, ich hatte sie noch, es gab keinen wirklichen Unterschied.
Wieder auf dem Zimmer, schlief ich schnell ein. Da war nichts von alledem, was ich dachte fühlen zu müssen, ich war ruhig.
Der nächste Morgen war ebenfalls in Ordnung, ich schaffte es sogar zum ersten Mal seit Tagen zu frühstücken. Es ging voran, die endlose Schleife aus Ohnmacht und Trauer war durchbrochen.
Um halb neun Uhr morgens wurde mit einer vor den Muttermund platzierten Tablette eingeleitet. Normalerweise würde mit einer Viertel Tablette begonnen, wenn das Kind noch leben würde aber man bräuchte ja keine Rücksicht mehr nehmen, ich hätte eine halbe bekommen. Es wäre ein off-use Label. Nicht dafür gedacht, aber perfekt dafür gemacht, ein Mittel gegen Darmkrebs. In 4 Stunden bekäme ich die nächste, so eine Einleitung könne sich über 5 Tage hinziehen.
Nicht mit mir! Heute abend wäre ich hier raus, nicht noch eine Nacht unter glücklichen Müttern, nicht noch eine Nacht ohne Hund. Um zehn wurde mir kalt, ich fror, ich übergab mich, ich hatte Wehen. Die Stationsschwester  glaubte mir nicht, so schnell würde es nicht gehen.
Ich rief meine Hebamme zuhause an. Ich kniete auf dem Boden und schrie ins Kopfkissen mit jeder Wehe, das Zimmer war zu klein um sich zu bewegen. Meine Hebamme atmete mit mir, wollte dann meinen Mann sprechen, ich müsse dringend in den Kreißsaal, ihr wäre egal was die Stationsschwester sagt, er solle mich dort hinbringen lassen.
Dort angekommen dachte ich bereits ich müsse sterben vor Schmerz, das Mittel wirkte viel zu stark, Schmerzmittel hingegen gar nicht. Infusion, PDA, Lachgas, Rauschnarkose. Zwei Minuten Wehen, Fünf Sekunden Pause. Ich konnte meinen Kopf nicht mehr alleine halten, nicht sprechen, nur schreien. Ich hörte alles, konnte mich aber nicht mehr artikulieren. Zu viel von allem. Und plötzlich war alles vorbei. Um 15:29 war sie da. Die Liebe meines Lebens, mein erstes Kind, meine Tochter, unser Goldstück. Mit einem Mal war alles ruhig, kein Schmerz mehr, ich war schlagartig klar im Kopf. Nie zuvor war ich so stolz, so glücklich. Ich wiegte meine Kleine im Arm, sie war perfekt. Sie hatte die Lippen und Nase ihres Papas, ich gab ihr kleine Küsse, zog sie an, so perfekt.
Äußerlich so perfekt, ihre Haare, sie sah aus als würde sie schlafen und insgeheim hoffte ich es wäre nur ein böser Traum und sie würde gleich aufwachen.
Mein Mann, der vor der Geburt dachte, er könne es nicht, nahm sie zärtlich in seine Arme, wir machten Fotos mit der Handykamera. Sie machte uns zu einer Familie.
Ich hätte sie für immer anschauen können, wäre ich in diesem Moment gestorben, hätten wir für immer so dasitzen  können. Ich war Mama, ich fühlte mich wie ein Bär. Ich lachte, war stolz, zufrieden.
Die Hormone machten es gleichgültig, dass unser Schatz nicht lebte, nur mein Mann weinte, ich hätte ihm so gerne etwas von meinem Glücksgefühl abgegeben.

Ich weiß nun, warum Frauen wieder Kinder bekommen nach ihrem ersten. Die Geburt ist das Schlimmste, aber sobald dein Kind da ist speichert man nur das Glück danach ab. Auch für mich ist der Gedanke daran schön, voller Liebe und nicht schmerzhaft oder schlimmeres.
Ich habe mich während der Geburt auch nochmal neu in meinen Mann verliebt. Stunde um Stunde hielt er meinen Kopf obwohl ich schrie wie am Spieß, er war da, gab mir Kraft und ich weiß bis heute nicht woher er die Kraft für all dies nahm. Ich bin ihm so unendlich dankbar und unsere Beziehung hat eine völlig andere Qualität bekommen.
Er war es auch der den richtigen Zeitpunkt fand, damit ich gehen kann. Alleine hätte ich unsere Tochter nie wieder hergegeben, Göttergatte halt...






Freitag, 6. Januar 2017

Der Wahnsinn der Gesetzesgebung

Wie geht es weiter, wenn diese Entscheidung getroffen ist? Zu wissen, dass das Schicksal, der Zufall raus ist? Dass das eigene, so geliebte, so gewünschte Baby niemals lebend zu Welt kommt. Weil man sich dafür entschieden hat, sich entschieden hat, seinem Baby alles weitere an Schmerz zu nehmen.
"Vom körperlichen Schmerz ist es das gleiche wie bei der Fruchtwasseruntersuchung, also nicht so schlimm.", wie schön von einem Mann zu hören, dass das ja nicht so weh tun würde. Wie schön, dass er niemals das Gefühl haben wird eine Nadel in einen prallen Babybauch gestochen zu bekommen, den Schmerz wenn die Gebärmutter sich zusammenzieht, verletzt von etwas was da nicht sein sollte, nicht mehr in diesem Monat.

Für uns unverständlich war das was folgte, man hatte uns das grauenhafte Schicksal unserer Kleinsten erklärt, würde man sich gegen den Fetozid entscheiden. Den Horror fein schattiert in allen Grau- und Schwarznuancen dieser Welt.
Doch dann irgendwie eine kleine Kehrtwende: Unsere Entscheidung wäre gut, aber ob man dem zustimmen würde müsste nun eine Ethikkommission beurteilen. Dabei dürfe man nicht auf das Wohl des Kindes schauen, sondern dürfe nur nach dem Schaden gucken, dem der Mutter hinzugefügt werden würde, sollte man es nicht tun. Mein Baby war doch kein Schaden!!! Ich war und bin seine Mama und es ging mir ganz allein um ihr Wohl, um was hätten es mir sonst gehen können?
Ich bin entsetzt über diese Art des Gesetzes! Ich mach dem Arzt keine Vorwürfe, er ist schließlich gezwungen sich an dieses Gesetz zu halten, er muss sein anschließend vor der Staatsanwaltschaft rechtfertigen, dass er zustimmt.
Und trotzdem ist es falsch, dass mein letzter Ausweg war, mit Selbstmord zu drohen sollten sie meinem Kind verweigern wozu uns doch so geraten worden war und was sich richtig anfühlte weil ich merkte, dass meine kleine Maus nicht wusste was auf sie zukommen würde. Dennoch war es eine sinnlose, zermürbende Sache. Deplatziert in so einem Fall, Selbstmorddrohung als letztes Mittel um dem Arzt irgendeinen triftigen Grund zu nennen, der nicht das Wohl des Kindes betrifft.
Wie schrecklich hilflos war mein Mann... Seine Meinung zählte nicht, sein Wunsch egal, fatal wie sehr man die Väter abkoppelt obwohl es genau so ihr Baby ist.
Die Entscheidung dauerte, es wurde wohl hart verhandelt. Zwischendurch der Anruf ob  unsere Tochter immer noch lebe.... Sie tat es.
Dann kamen an meinem Geburtstag gleich zwei Anrufe. Einmal aus der Humangenetik, dass wir beide keinerlei Erbanlagen für Gendefekte in uns trugen und dann der Anruf, dass dem Fetozid zugestimmt worden sei.
Wir sollten in 6 Tagen in die Klinik kommen.

Dienstag, 3. Januar 2017

Trisomie18, Liebe und die traurige Wahrheit

Die Fruchtwasseruntersuchung brachte Gewissheit. Es war zweifelsfrei eine freie Trisomie18. Wieder Klinik, erneute Ultraschalluntersuchungen. Jede Fahrt in die zwei Stunden entfernte Klinik machte es schlimmer, jede Diagnose brach mein Herz, riss es in Stücke und schlimmer.
Ich verstand die Welt nicht mehr, wenngleich ich die medizinische Diagnose sehr wohl verstand.
Bei unserer Tochter war wohl im Vorfeld alles übersehen worden was doch so offensichtlich sein musste. Singuläre Nabelschnur-Arterie, Händchen in Flexionshaltung, schwere multiple Herzfehler, Hirnzyste sowie Wasseransammlungen und so vieles mehr. Es ging ihr schlecht. Wir sollten nach Hause fahren, unmöglich, dass sie die nächsten zwei Tage überleben würde, so die Meinung der Ärzte. Es grenze an ein Wunder, dass sie es überhaupt mit diesen Voraussetzungen so weit geschafft hatte.

Zuhause auf den Tod des eigenen Kindes im Bauch warten.... Es war so weit entfernt von allem was ich jemals als schlimm wahrgenommen hatte. Sie bewegte sich so viel wie die ganze Schwangerschaft über nicht. Nie war unsere Bindung enger gewesen. Grade weil ich nie mehr Liebe empfunden hatte wünschte ich mir nichts mehr, als dass sie endlich einschlafen würde. Mir Entscheidungen abnehme möge, die ich nicht treffen wollte.
Man hatte uns dazu geraten schon Abschied zu nehmen. Aber wie? Wie sollte ich Abschied nehmen von meinem Baby das mich grade trat?
Wieder in die Klinik. Ich spürte sie weniger, mein Gefühl sagte mir, dass es ihr schlecht ging, zeitgleich wusste ich, dass sie nicht aufgegeben würde.

Dass sie immer noch lebte war unverständlich für die Ärzte, man sah ihnen die Ratlosigkeit so sehr an. Der Kinderarzt riet uns zum Schwangerschaftsabbruch. Welch dummes Wort für den Vorschlag mein Baby kurz vor ET umzubringen. Ein Pränataldiagnostiker erklärte uns die Möglichkeiten.
Weitertragen. In der "Hoffnung" sie würde die Geburt nicht überleben oder davor sterben.
Würde dies nicht passieren müssten wir uns zwischen dem palliativen Weg oder einer maximal invasiven Versorgung entscheiden.
Palliativ hieß hierbei so viel wie ihr nach der Geburt das maximale an Morphium und schmerzstillenden Medikamenten zu verabreichen um dann auf ihren Tod auf meiner Brust zu warten.
Die maximal invasive Versorgung würde bedeuten, dass man direkt nach der Geburt mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Luftröhrenschnitt machen müsse und sie operieren müsste, was sie vermutlich nicht überleben würde und sie sterben würde ohne mich gesehen zu haben.
Der "Schwangerschaftsabbruch" bedeutete Fetozid. Eine Spritze durch meinen Bauch in ihr kleines Herz, dass daraufhin aufhören würde zu schlagen.

Alles war grausam, bei allem stand der Tod dahinter. Was macht man als Mama? Was macht man als Papa? Was ich wusste war, dass ich die Verantwortung für meine Tochter übernehmen musste. Erfahrungsberichte die dazu rieten meine Tochter selber entscheiden zu lassen erreichten mich nicht in dieser Zeit. Würde ich meiner Tochter, wenn sie vor einer Kreissäge stehen und rein greifen wollen würde die Entscheidung selber überlassen, wenngleich ich wüsste was sie danach durchleben müsste? Nein. Ich war ihre Mama und ich musste für sie entscheiden und es sollte der Weg sein, der für sie am besten war. Ich und meine Wünsche zählten nicht mehr...

Ein Leben, dass keines sein konnte, musste dort so sein Ende finden wo es angefangen hatte. Dort wo mein Schatz sich wohl fühlte, vertraute Umgebung und Geräusche hatte. Dort wo sie versorgt wurde und sie sicher war, vor hellem Licht, lauten Geräuschen, Kälte. Einer Umgebung die schon für jedes gesunde Neugeborene erstmals Stress bedeutet. Ich entschied mich schweren Herzen für den Fetozid. Ihren Tod durch mich. Nie wieder will ich solch eine Entscheidung treffen und an dieser Stelle will ich eins betonen.

Dies ist kein Plädoyer für den Fetozid. Genauso wenig ein Angriff auf das Weitertragen. Jede Frau die vor so einer Entscheidung steht, trifft die richtige. Es gibt kein falsch hierbei, es gibt nur Liebe und wir alle, die solche Entscheidung treffen müssen, treffen sie FÜR unsere Kinder, niemals gegen sie. Wichtig ist das eigene Bauchgefühl, mehr als die Diagnosen der Ärzte, es gibt wundervolle, starke Frauen und Männer deren Kinder der Trisomie18 trotzen und es gibt bewundernswerte, kraftvolle Frauen und Männer die merken, dass ihr Kind dies nicht so lange schafft und sie es trotzdem auf dieser Welt kurz begrüßen möchten. Und es gibt liebevolle, mutige Frauen und Männer die merken, dass dies alles nicht für ihr besonderes Kind gemacht ist und es richtig ist die Entscheidung abzunehmen. Immer dafür, niemals dagegen.

Es gibt noch so viele Aspekte die mit in eine Entscheidung einfließen müssen. Aspekte die ich selber nicht mal im Traum bedacht hatte, einfach weil ich so unter Schock stand, alles über mich reinbrach und ich meine Tochter noch um alles in der Welt retten wollte. Ich liste kurz auf was ich vollkommen ausgeblendet hatte.
Soziale Aspekte: Die wichtigste Frage, zieht der Partner mit? Trägt er die Entscheidung ebenso sehr? Oder hält er etwas anderes für richtig? Beide müssen schließlich im wahrsten Sinne damit leben, egal welche Entscheidung.
Sind bereits Kinder da? Was würde es für sie bedeuten und wie sehr würde es ihr Leben beeinflussen?
Finanzielle Aspekte: Was bedeutet ein schwer behindertes Kind für das eigene Leben? Wie sieht die Wohnsituation aus? Muss umgezogen werden? Können sämtliche Anschaffungen gestämmt werden? Ich bin sicher, alles wird sich finden, wenn man nur will, aber es muss bedacht werden. Wer kümmert sich, insofern vorhanden, um weitere Kinder, wenn Mama sich zeitweise 100% wegen Krankheit nicht darum kümmern kann. Viele t18Schätze sind schließlich Stammpatienten im Krankenhaus. Wie sieht die berufliche Situation beider Partner aus, Selbständig oder Angestellter?
Und nicht zuletzt der familiäre Aspekt, wenngleich ich der Meinung bin, dass diese nicht das Recht auf ein Urteil haben. Dennoch ist es schöner unterstützt zu werden als alleine mit seinem Leid zu sein.

Es ist so vielschichtig,...  Als ob es nicht schwer genug wäre überhaupt aufzustehen, soll man auch noch denken können.... Dennoch ist es leider so wichtig.

Ich schreibe meine Geschichte in Stücken, nach und nach, es ist keine 4 Monate her, es kostet Kraft, aber ich finde es wichtig, man findet nach wie vor zu wenig darüber, auch wenn es ganz tolle Gemeinschaften dazu gibt. Dazu komme ich noch.